Kimchi, Yoghurt und Gemüse auf einem TIsch

Milchsäurebakterien – zentrale Akteure im Mikrobiom

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Milchsäurebakterien sind Teil eines komplexen mikrobiellen Netzwerks im Darm. In diesem Blog erfährst du wie Milchsäurebakterien mit Ballaststoffen und anderen Mikroorganismen zusammenwirken und welche Rolle sie im komplexen Mikrobiom spielen.

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Autor: Ernährungsexperte Gerald Deuring
Lesezeit: ca. 6 min

Milchsäurebakterien sind weit mehr als nur Helfer bei der Joghurtherstellung – sie sind die zentralen Akteure in unserem Darmmikrobiom. Während Milliarden von Mikroorganismen unseren Verdauungstrakt besiedeln, übernehmen Milchsäurebakterien wie Lactobacillus und Bifidobacterium entscheidende Aufgaben für unsere Verdauung, den Stoffwechsel und das Immunsystem. In diesem Artikel erfährst du, wie diese nützlichen Bakterien unser inneres Ökosystem im Gleichgewicht halten und warum sie für unsere Gesundheit wichtig sein können.

Das Darmmikrobiom: Lebensraum für Milchsäurebakterien

Der menschliche Körper ist Lebensraum für eine enorme Vielfalt an Mikroorganismen. Besonders dicht besiedelt ist der Verdauungstrakt: Milliarden von Bakterien leben im Darm und bilden zusammen das sogenannte Darmmikrobiom. Dieses komplexe Ökosystem beeinflusst zahlreiche Prozesse im Körper – von der Verdauung bis hin zu Stoffwechsel- und Immunreaktionen.
Schätzungen zufolge enthält der menschliche Körper ungefähr ähnlich viele bakterielle wie menschliche Zellen, wobei sich der Großteil der Mikroorganismen im Darm befindet1.

Innerhalb dieser mikrobiellen Gemeinschaft spielen Milchsäurebakterien eine wichtige Rolle.

Was zeichnet Milchsäurebakterien aus?

Milchsäurebakterien sind Mikroorganismen, die Kohlenhydrate über Fermentationsprozesse zu Milchsäure abbauen. Zu den wichtigsten Gattungen gehören:

  • Laktobazillen (Lactobacillus): Diese „Stäbchenbakterien“ sind die bekanntesten Milchsäurebildner und schützen vor allem die Schleimhäute.
  • Bifidobakterien (Bifidobacterium): Sie besiedeln primär den Dickdarm und unterstützen dort die Verdauung komplexer Fasern.
  • Laktokokken (Lactococcus): Diese kugelförmigen Bakterien sind essenziell für die Fermentation von Milchprodukten.
  • Streptokokken (Streptococcus): Bestimmte harmlose Arten dieser Gruppe sind wichtige Helfer bei der Joghurtherstellung.

Diese Bakterien kommen natürlicherweise im menschlichen Körper vor, insbesondere im Darm, in der Mundhöhle und auf Schleimhäuten. Gleichzeitig spielen sie eine wichtige Rolle bei der Herstellung fermentierter Lebensmittel.

Lebensmittel wie Joghurt, Kefir, Sauerkraut oder Kimchi entstehen durch mikrobielle Fermentation, bei der Milchsäurebakterien Zucker in Milchsäure umwandeln.

Kimchi in einem Einmachglas

Der Darm als mikrobielles Stoffwechselorgan

Das Darmmikrobiom wird heute zunehmend als eine Art metabolisches Organ betrachtet. Mikroorganismen im Darm besitzen eine enorme genetische Vielfalt und sind in der Lage, zahlreiche Stoffwechselprozesse durchzuführen, die der menschliche Körper alleine nicht leisten könnte2.

Ein zentraler Prozess ist die Fermentation von Ballaststoffen. Ballaststoffe werden im Dünndarm kaum verdaut und gelangen daher in den Dickdarm. Dort dienen sie als Substrat für Darmbakterien, die sie in verschiedene Stoffwechselprodukte umwandeln3. Diese mikrobiellen Fermentationsprozesse sind ein wesentlicher Bestandteil der Interaktion zwischen Ernährung, Mikrobiom und Stoffwechsel.

Fermentation und mikrobielle Metaboliten

Bei der Fermentation von Ballaststoffen entstehen verschiedene Metaboliten, darunter insbesondere kurzkettige Fettsäuren (Short-Chain Fatty Acids, SCFA):

  • Acetat
  • Propionat
  • Butyrat

Diese Stoffe zählen zu den wichtigsten mikrobiellen Metaboliten im Darm4.

SCFA entstehen durch das Zusammenspiel verschiedener Bakteriengruppen innerhalb der Darmmikrobiota. Während einige Mikroorganismen komplexe Kohlenhydrate abbauen, nutzen andere die entstehenden Zwischenprodukte weiter. Milchsäurebakterien sind Teil dieses mikrobiellen Netzwerks und tragen zur Bildung von Fermentationsprodukten bei.

Wie mikrobielle Metaboliten im Körper wirken

Die Bedeutung dieser mikrobiellen Stoffwechselprodukte geht weit über den Darm hinaus. SCFA können mit verschiedenen physiologischen Systemen des Körpers interagieren.

So wirken kurzkettige Fettsäuren unter anderem über spezifische Rezeptoren des Immunsystems und des Stoffwechsels5.

Forschungen zeigen, dass SCFA unter anderem mit folgenden Prozessen in Verbindung stehen:

  • Regulation der Darmbarriere
  • Modulation von Immunreaktionen
  • Einfluss auf Entzündungsprozesse
  • Beteiligung am Energiestoffwechsel6

Darüber hinaus können mikrobiell gebildete Metaboliten sogar systemische Effekte haben und mit Stoffwechselprozessen im gesamten Körper interagieren7.

Ballaststoffe als Nahrung für Darmbakterien

Diverses Obst und Gemüse sowie Haferflocken

Die Zusammensetzung der Darmmikrobiota wird stark durch die Ernährung beeinflusst. Besonders wichtig sind dabei Ballaststoffe, da sie wertvolle Energielieferanten für viele Darmbakterien darstellen.

Unterschiedliche Ballaststoffe können dabei unterschiedliche bakterielle Gruppen fördern3.

Ballaststoffreiche Lebensmittel sind beispielsweise:

  • Vollkornprodukte
  • Hülsenfrüchte
  • Obst
  • Gemüse

Eine ausreichende Zufuhr von Ballaststoffen steht daher in engem Zusammenhang mit der Aktivität der Darmmikrobiota und der Produktion mikrobieller Metaboliten8.

Postbiotika – Stoffwechselprodukte der Darmbakterien

Neben lebenden Mikroorganismen rücken zunehmend auch deren Stoffwechselprodukte in den Fokus der Forschung. Diese werden als Postbiotika bezeichnet.

Postbiotika umfassen eine Vielzahl mikrobieller Produkte, darunter:

  • bakterielle Metaboliten
  • Zellwandbestandteile
  • Peptide
  • Enzyme
  • kurzkettige Fettsäuren

Viele dieser Substanzen entstehen durch die Aktivität von Darmbakterien, darunter auch Milchsäurebakterien.

Im Gegensatz zu Probiotika enthalten Postbiotika keine lebenden Mikroorganismen, sondern nur deren biologische Produkte. Dadurch sind sie häufig stabiler gegenüber Lagerung, Sauerstoff oder Hitze. Aus diesem Grund werden Postbiotika zunehmend als mögliche Ergänzung oder Alternative zu probiotischen Ansätzen untersucht9.

Milchsäurebakterien im komplexen Mikrobiom-Netzwerk

Die Forschung zeigt heute deutlich, dass Milchsäurebakterien nicht isoliert wirken. Vielmehr sind sie Teil eines komplexen mikrobiellen Netzwerks, in dem verschiedene Bakterienarten miteinander interagieren und Stoffwechselprodukte austauschen.

Das Gleichgewicht dieser mikrobiellen Gemeinschaft wird als Eubiose bezeichnet. Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, spricht man von Dysbiose, die mit verschiedenen Erkrankungen in Verbindung gebracht wird2.

Das Verständnis dieser mikrobiellen Wechselwirkungen ist ein zentrales Forschungsfeld der modernen Ernährungs- und Mikrobiomforschung.

Fazit zu Milchsäurebakterien

Milchsäurebakterien sind ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Mikrobioms und spielen eine zentrale Rolle innerhalb des mikrobiellen Ökosystems des Darms. Durch ihre Fähigkeit zur Fermentation von Kohlenhydraten tragen sie zur Bildung verschiedener mikrobieller Metaboliten bei.

Besonders kurzkettige Fettsäuren stehen im Fokus aktueller Forschung, da sie eine Verbindung zwischen Ernährung, Darmmikrobiota und Stoffwechselprozessen darstellen.

Darüber hinaus rücken zunehmend auch die Stoffwechselprodukte dieser Mikroorganismen – die sogenannten Postbiotika – in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Untersuchungen.

Häufige Fragen zu Milchsäurebakterien

Was sind Milchsäurebakterien?

Milchsäurebakterien sind eine Gruppe von Mikroorganismen, die Kohlenhydrate zu Milchsäure verstoffwechseln. Sie kommen natürlicherweise im Darm sowie in fermentierten Lebensmitteln vor und sind Teil des komplexen Mikrobioms.
Warum sind Milchsäurebakterien im Darm so wichtig?

Milchsäurebakterien im Darm sind Teil eines komplexen mikrobiellen Netzwerks. Sie sind in verschiedene Stoffwechselprozesse eingebunden und stehen in Wechselwirkung mit anderen Mikroorganismen sowie mit der Darmumgebung.
Welche Bedeutung haben Ballaststoffe für Milchsäurebakterien?

Ballaststoffe dienen bestimmten Darmbakterien als Nahrungsquelle. Durch deren Verwertung entstehen verschiedene Stoffwechselprodukte, die wiederum Teil der komplexen Prozesse im Darm sind.
Sind Laktobazillen Milchsäurebakterien?

Ja, Laktobazillen (Gattung Lactobacillus) sind die bekanntesten Vertreter der Milchsäurebakterien. Sie verdanken ihren Namen der Fähigkeit, durch Fermentation Kohlenhydrate in Milchsäure umzuwandeln.
Was sind Laktobazillen?

Laktobazillen sind eine Untergruppe der Milchsäurebakterien. Sie gehören zu den am besten untersuchten Bakterienstämmen und kommen sowohl im Darm als auch in fermentierten Lebensmitteln vor.
Was ist die Aufgabe der Laktobazillen im Körper?

Laktobazillen sind Teil des natürlichen Mikrobioms und stehen in enger Wechselwirkung mit ihrer Umgebung im Darm. Sie werden häufig im Zusammenhang mit einem ausgeglichenen mikrobiellen Milieu, der Darmbarriere und immunologischen Prozessen beschrieben.
Was ist der Unterschied zwischen Laktobazillen und Bifidobakterien?

Beide gehören zu den wichtigen Bewohnern des menschlichen Mikrobioms. Laktobazillen werden häufig mit dem Dünndarm in Verbindung gebracht, während Bifidobakterien vor allem im Dickdarm vorkommen. Zudem unterscheiden sie sich in ihren Stoffwechseleigenschaften und den gebildeten Metaboliten.
Was sind Postbiotika?

Postbiotika sind Stoffwechselprodukte, die von Mikroorganismen im Darm gebildet werden. Dazu zählen beispielsweise kurzkettige Fettsäuren, die im Rahmen mikrobieller Prozesse entstehen.
Was versteht man unter Probiotika mit Milchsäurebakterien?

Als Probiotika mit Milchsäurebakterien werden Zubereitungen bezeichnet, die ausgewählte lebende Mikroorganismen enthalten. Sie werden häufig im Zusammenhang mit der Darmflora und dem mikrobiellen Gleichgewicht thematisiert.

Quellen:

1. Barber, T. M., et al. (2020). The health benefits of dietary fibre. Nutrients. DOI: 10.3390/nu12103209 ↑ zurück

2. Gilbert, J. A., et al. (2018). Current understanding of the human microbiome. Nature Medicine. DOI: 10.1038/nm.4517 ↑ zurück

3. Louis, P., et al. (2021). Dietary fibre complexity and its influence on functional groups of the human gut microbiota. Proceedings of the Nutrition Society. DOI: 10.1017/S002966512100096X ↑ zurück

4. Fusco, W., et al. (2023). Short-chain fatty-acid-producing bacteria: Key components of the human gut microbiota. Nutrients. DOI: 10.3390/nu15092211 ↑ zurück

5. Kimura, I., et al. (2020). Free fatty acid receptors in health and disease. Physiological Reviews. DOI: 10.1152/physrev.00041.2018 ↑ zurück

6. Parada-Venegas, D., et al. (2019). Short-chain fatty acids (SCFAs)-mediated gut epithelial and immune regulation. Frontiers in Immunology. DOI: 10.3389/fimmu.2019.00277
Sukkar, A. H., Lettieri-Barbato, D., Aquilano, K., & Ciriolo, M. R. (2019). Regulation of energy expenditure and substrate oxidation by short-chain fatty acids. Journal of Endocrinology, 242(2), R1–R8. DOI: 10.1530/JOE-19-0124 ↑ zurück

7. Visconti, A., et al. (2019). Interplay between the human gut microbiome and host metabolism. Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-019-12476-z
Diener, C., et al. (2022). Genome-microbiome interplay provides insight into the determinants of the human blood metabolome. Nature Metabolism. DOI: 10.1038/s42255-022-00670-1 ↑ zurück

8. Barber, T. M., et al. (2020). The health benefits of dietary fibre. Nutrients. DOI: 10.3390/nu12103209 ↑ zurück

9. Markowiak, P., & Śliżewska, K. (2017). Effects of probiotics, prebiotics, and synbiotics on human health. Nutrients. DOI: 10.3390/nu9091021 ↑ zurück